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„Unser Haus brennt und wir schauen weg”

Wie grün ist Frankreich? Eine Bestandsaufnahme

Wenn am 26. März in Berlin Franzosen und Deutsche über die Fragen des Klimawandels diskutieren, dann hat das etwas Gutes. Alleine kann ein europäisches Land bei diesen Problemen schon garnichts aussrichten. Es bedarf also Verbündeter. Doch der Natürlichste in für Deutschland - Frankreich - wird sicherlich auch in Berlin den Zankapfel im Gepäck haben: Atomkraft. Sie ist und bleibt eine der wichtigsten Säulen der französischen Energiesicherheit, was in Deutschland immer wieder an der Umweltfreundlichkeit unseres Nachbarn zweifeln lässt. Wie populär ist das Thema überhaupt auf der anderen Seite des Rheins? Und wird der deutsch-französische Motor bald mit Rapsöl laufen?

DosenpfandAtomkraft

Wie so oft, gehen gerade bei den entscheidenden Punkten die Meinungen auseinander. Schon auf dem Anfang März in Brüssel stattfindenden Klima-Gipfel der Europäischen Union schieden sich in punkto Atomkraft die Geister. Vor allem Frankreich wollte den Atomstrom nicht verdammen. Vielmehr hätte man es gerne gesehen, die Kernenergie als einen Beitrag zum Klimaschutz zu verstehen. Beim Nachbarn Deutschland, der erst vor wenigen Jahren den Atom-Ausstieg per Gesetz festgelegt hat, kamen solche Töne gar nicht gut an. Auch wenn letztendlich diese Forderung fallen gelassen wurde, der Begeisterung für Atom-Kraft tut dies keinen Abbruch. In Frankreich wird sie überwiegend als Mittel gegen den Klimawandel gesehen. Und das hat seine Geschichte. 78 % des Energiebedarfs wird mit dieser Technik gedeckt. In Deutschland sind es gerade mal 16 %. Nach 1945 wurde die Atomenergie aus strategischen Gründen gefördert. Man wollte nicht abhängig sein, was nach den Öl-Krisen der 70er Jahre noch mehr galt. Gesetzlich hat man diese Position am 13. Juli 2005 festgehalten. Hier wird es wohl nicht viel zu rütteln geben, vor allem weil der Nachbar gerade seinen geringen CO-2-Ausstoß hierauf zurückführt.

CO-2 Emissionen

Sieht man sich die kleinen Citroens und Peugeots an, können die folgenden Zahlen eigentlich nicht verwundern. Nach einer Statistik der Europäischen Union, die das Pro-Kopf-CO2-Emissionen in der EU und in Entwicklungsländern auflistet, sieht es für Deutschland gar nicht gut aus. Für 10,2 Tonnen CO-2 ist jeder Bundesbürger hierzulande pro Jahr verantwortlich. Der Franzose hält sich mit seinen 6,4 Tonnen hier deutlich zurück.

Umweltfreundlich mobil sein

Es geht also um den Deutschen liebstes Kind: das Auto. Nach einem Vergleich von www.ecotopten.de liegen gleich mehrere Autos aus dem Hexagon unter den zehn umweltfreundlichsten Autos. Der C1 1.0 von Citroen, der 107 Petit Filou von Peugoet und ein Twingo ECO 1.2 16V Quickshift von Renault. Das umweltfreundlichste deutsche Auto war übrigens ein Corsa ECO 1.0 Twinport Ecotec, der es gerade mal auf Platz neun schaffte. Immerhin, denn die großen deutschen Buchstaben VW konnten einen Polo erst auf Rang 23 platzieren.

Energie - aber sauber

Wer denkt Deutschland wäre das Paradies der erneuerbaren Energien wird sich eines besseren belehren müssen. Frankreich stellt im europäischen Vergleich die größten Mengen erneuerbare Energien her, wie die Französische Botschaft schreibt. Wie man die Bürger mit ins Boot holt, macht uns auch unser Nachbar vor, wie die in Caen lebende Evelyn Berkemeier berichtet: “Es gibt super Steuervergünstigungen für alternative Energieinstallationen und Isolation beim Hausbau.” Und die französische Botschaft schreibt: “Die Hälfte der Kosten für einen Solarrezeptor, den sich eine Privatperson anschafft, werden übernommen; die Abnahmepreise für Biogas wurden ab Juni 2006 um 50% erhöht; dadurch soll der Kauf sauberer Fahrzeuge (Elektro-, Hybrid- oder Gasfahrzeuge) gefördert werden.”

In die Tasche stecken

Als Indiz für ein fehlendes Umweltbewusstsein der Franzosen galt lange Jahre die Plastiktüte. So gut wie jedes Geschäft bot sie als Service für ihre Kunden an. Und wem eine nicht reichte - kein Problem. Dem hat jedoch die französische Regierung im Jahre 2005 einen Riegel vorgeschoben. Die Zeitungen meldeten am 14. Oktober 2005, dass “biologisch nicht abbaubare Plastiktüten und -verpackungen in Frankreich von 2010 an nicht mehr vermarktet und auch nicht verteilt werden dürfen.” (Quelle) Dass dies bisher noch nicht vollständig im französischen Bewusstsein angekommen ist, berichtet Evelyn Berkemeier: “Ich wurde einmal Zeugin von einem Streit, bei dem eine Kundin meckerte, weil es nur eine Plastiktüte gab.” Doch mittlerweile geht es bei dieser Maßnahme selbst Paris nicht schnell genug. Die Hauptstadt will schon ab diesem Jahr die weißen Einkaufsbegleiter aus dem Alltag verbannen: “Die Stadt Paris will schon ab 2007 Supermärkten und Geschäften untersagen, Plastiktüten zu verteilen. Die Nutzung steht, so die Stadtverwaltung, in keinem Verhältnis zu den Umweltschäden, die ihr Gebrauch verursacht.”, berichtete am 6. Januar 2007 das Hamburger Abendblatt. Wenn wir Deutschen jedoch glauben, auf diesem Gebiet weit voraus zu sein, der sollte sich mal nach dem Symbol der Alternativbewegung, der Jute-Tasche, umschauen. Als großen Fortschritt gefeiert, ist auch sie wieder aus dem Alltag verschwunden. Mehr dazu hier.

Umdenken setzt ein

Wie sieht es also aus mit dem Bewusstsein auf beiden Seiten des Rheins? Ganz Europa befindet sich in einer Klimahysterie und Zeitungen und Magazine haben längst das Thema auf Seite 1 gehoben. Die EU verpflichtet sich brav zu einer Reduzierung des CO-2-Ausstoßes, während die Menschen auf die Straße gehen, und das auch in Frankreich. Am 19. März 2007 berichtete der Deutschlandfunk über eine Großdemonstration der Franzosen gegen die Atompolitik der Regierung. “Wir dürfen nicht zulassen, dass in Frankreich noch mehr Atomkraftwerke gebaut werden. Schon jetzt mit der aktuellen Situation ist die Gefahr groß, dass eines Tages etwas passiert, wie in Tschernobyl oder wie der kürzlich in einem schwedischen Kernkraftwerk gerade noch verhinderte Unfall. Die Atomkraft ist eine wirkliche Gefahr für die Menschen.”, äußerten sich die Demonstranten (Quelle). Auch Evelyn Berkemeier bemerkt den französischen Wandel: “Ich habe den Eindruck, dass seit etwa zwei Jahren ein Wechsel stattfindet. Seit Nicolas Hulot das Umwelltbewusstsein ins kollektive Bewusstsein geholt hat, bewegt sich etwas.” Frankreichs berühmtester Ökologe und Freund des Präsidenten hat erreicht, was bisher einmalig in Europa ist. “Am 28. Februar ist Frankreich das erste Land geworden, das ‘das Recht auf ein Leben in einer ausgeglichenen und die Gesundheit respektierenden Umwelt’ verfassungsmäßig schützt.”, schreibt Label France. Hulot soll übrigens auch Chirac den Satz „Unser Haus brennt und wir schauen weg” in den Mund gelegt haben.

Und Deutschland?

“Deutschland ist auch kein Vorzeigekind. Es gibt immer noch zu viele Kohlekraftwerke die CO-2 ausstoßen.”, sagt die Wahlfranzösin Berkemeier. Nach ihrer Meinung lerne Frankreich aus den Fehlern Deutschlands. Doch auch hierzulande gibt es noch einiges nachzuholen. Während wir über ein Geschwindigkeitslimit auf Autobahnen und umweltfreundlichere Autos diskutierten, hat Frankreich schon längst seine Hausaufgaben gemacht. Doch in einem Punkt ist Deutschland wirklich Vorreiter. “In Frankreichg gibt es einfach zu viele Plastik- und keine Mehrwegflaschen.”, so Berkemeier. Denn wer in Deutschland eine Dose haben will, muss schon richtig suchen.

Eine Antwort zu “„Unser Haus brennt und wir schauen weg””

  1. desf
    4. April 2007 04:21 Uhr
    1

    darüber kann man auch La Gazette de Berlin Nr 6 lesen…

    http://www.lagazettedeberlin.de/edition06.html

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